Hohe PFAS-Werte in unserem Trinkwasser – wie gefährlich ist das wirklich?

Trinkwasserreinigung Paradoxon: „Trinkwasser enthält zu viel PFAS, ist aber gesund“ Laut einem aktuellen RIVM-Bericht. Niederländisches Trinkwasser enthält an mehreren Standorten höhere PFAS-Werte als von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) vorgeschrieben. Trotzdem stellt das Institut fest, dass das Trinkwasser gesund ist.

Was Mitte des letzten Jahrhunderts eine wunderbare Erfindung war, ist heute eine Umweltgeißel: PFAS. PFAS (Poly- und Perfluoralkylsubstanzen) ist eine Sammelbezeichnung für chemische Stoffe, die in der Umwelt nicht natürlich vorkommen. Mittlerweile gibt es Tausende von Sorten. Sie haben die Eigenschaft, schmutz-, wasser- und fettbeständig zu sein, was sie für viele Konsumgüter wie Schmierstoffe, Lebensmittelverpackungen, Antihaftbeschichtungen, Löschschaum, wasserbeständige Textilien und Kosmetika geeignet macht. Gleichzeitig wird dadurch sichergestellt, dass sie nicht oder kaum zusammenbrechen. Folge? Durch schwimmende Abfälle und Emissionen setzen sich die Stoffe dauerhaft im Boden, im Baggergut sowie im Grund- und Oberflächenwasser ab. Sie werden nicht umsonst „für immer Chemikalien“ genannt.

Vergiftete Wahrheit

Dass PFAS gesundheitsschädlich sind, zeigte sich bereits kurz nach der Erfindung. In den 1960er und 1970er Jahren demonstrierten Forscher seine Toxizität für Fische und Ratten. Später, in den späten 1980er Jahren, wurde bei Fabrikarbeitern des Chemieriesen DuPont eine überdurchschnittliche Rate an Leukämie und Leberkrebs diagnostiziert. Rund um die Fabrik erkrankten viele Menschen durch das Trinken von verschmutztem Trinkwasser. Dieser sogenannte Parkerson-Skandal wurde sogar in Vergiftete Wahrheit gefilmt, was die Praktiken der Gruppe schmerzlich entlarvt. Neben verschiedenen Krebsarten und Leberkomplikationen wurden PFAS mit anderen Gesundheitsproblemen in Verbindung gebracht, wie z. B. Auswirkungen auf Cholesterin und Leber.

Auch heute noch wird viel über die Auswirkungen von PFAS auf unsere Gesundheit geforscht. Ein aktueller Bericht aus den USA Centers for Disease Control and Prevention stellten fest, dass die Einnahme geringer Mengen von PFAS über einen längeren Zeitraum bereits Auswirkungen auf das Immunsystem hat. Auch in den Niederlanden scheinen wir laut einer Untersuchung des RIVM zu viele kleine Mengen PFAS über die Nahrung und das Trinkwasser aufzunehmen. Die meisten PFAS gelangen über die Nahrung (etwa 83 bis 98 Prozent der Gesamtmenge) und 2 bis 17 Prozent über das Trinkwasser – das Institut berechnete. Darauf folgte eine Empfehlung von RIVM an die Regierung, die Exposition gegenüber PFAS zu reduzieren.

EFSA

Dieser Rat geht auf einen ausführlichen Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zurück, der 2008 mögliche Gesundheitsprobleme für Europäer beiseite wischte. Im Bericht vom September 2020 ändert die EFSA den Ton und weist auf die Schädlichkeit von PFAS hin, mit der dringenden Forderung, den gesundheitsbezogenen Grenzwert zu verschärfen. Umgerechnet legt die EFSA für die vier häufigsten PFAS einen Trinkwassergrenzwert von 4,4 Nanogramm pro Liter fest: Perfluoroctansulfonsäure (PFOS), Perfluoroctansäure (PFOA), Perfluornonansäure (PFNA) und Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS).

Dieser Trinkwasserwert wird jedoch an mehreren Standorten in den Niederlanden nicht erreicht. Waternet hat von allen Trinkwasserunternehmen die höchsten Konzentrationen von PFAS im Trinkwasser: 6 bis 17 Nanogramm pro Liter. Seltsamerweise ist dieser höher als in der Rheinquelle. Waternet extrahiert das Wasser aus dem Bethunepolder und den Waterleidingduinen – und aus Oberflächenwasser gewonnenes Trinkwasser enthält einen höheren PFAS-Gehalt als Grundwasserentnahmen. In Nederland winnen drinkwaterbedrijven 40% van het totale drinkwater uit oppervlaktewater. RIVM schätzt, dass der durchschnittliche Niederländer etwa 2 % des PFAS über das Trinkwasser aufnimmt, wenn es aus Grundwasser gewonnen wird. Wird das Wasser aus Oberflächenwasser gewonnen? Dann steigt dieser Anteil erheblich auf etwa 17 Prozent.

Tweede Kamer

Weil über die genauen Werte noch vieles unklar ist, nimmt RIVM die Grenzwerte für PFAS unter anderem in (Trink-)Wasser noch einmal genauer unter die Lupe. Das Institut schreibt, dass es nicht mit Sicherheit sagen kann, ob der abgeleitete Wert ausreichend ist, was bedeuten könnte, dass der Grenzwert zu hoch ist. Aufgrund der Auswirkungen auf unsere Gesundheit können die noch durchzuführenden Forschungsarbeiten dazu führen, dass weitere Maßnahmen, wie z. B. eine Verschärfung von Standards und Gesetzen, empfohlen werden. Gemeinsam mit dem Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft informierte RIVM das Abgeordnetenhaus im Januar 2021 per Schreiben. In dem Schreiben gibt RIVM an, dass es mindestens ein weiteres Jahr braucht, um die Risikogrenzen für PFAS zu testen.

Neben Grund- und Oberflächenwasser wird RIVM auch Lebensmittel, Luft und Boden weiter analysieren. Im Jahr 2020 beauftragte RIVM das Beratungs- und Ingenieurbüro Tauw bereits mit der Durchführung einer Studie zu 29 verschiedenen PFAS-Werten im niederländischen Boden. An 100 Messstellen – in städtischen, industriellen, landwirtschaftlichen und Naturgebieten – in den Niederlanden wurden hauptsächlich zwei Arten von PFAS gefunden: PFOA und PFOS. Besonders hoch sind die Konzentrationen in den westlichen Niederlanden, wo sich unter anderem in Dordrecht eine umweltbelastende Chemours PFAS-Fabrik befindet. Aus diesem Grund riet RIVM im Juni 2021 vom Verzehr von Obst und Gemüse aus Gemüsegärten im Umkreis von einem Kilometer um Chemours ab.

Bron: RIVM

Aktivkohle

Derzeit sei es sehr schwierig, PFAS aus der Umwelt zu entfernen, sagt die Trinkwasserforscherin Monique van der Aa vom RIVM der Trinkwasserplattform. „Die überwiegende Mehrheit der PFAS kann man nur mit Membranreinigungen wie der Umkehrosmose aus dem Wasser entfernen. Aber das ist eine teure Technik, die viel Energie verbraucht. Waternet beginnt mit einem Messprogramm und sucht nach alternativen Techniken, die mehr PFAS aus dem Wasser entfernen. Derzeit wird dafür Aktivkohle verwendet, die laut einer Studie von Rijkswaterstaat bei intensiver Nutzung und unter idealen Bedingungen PFAS nahezu vollständig aus verschmutztem Wasser entfernt.

Jedenfalls: Sowohl die Union der Wasserwirtschaftsverbände (UvW) als auch der Verband der Trinkwasserunternehmen (Vewin) sind besorgt über die Menge an PFAS in der Umwelt und schlagen Alarm. Während die UvW einen Quellenansatz befürwortet, plädiert Vewin sogar für ein vollständiges Verbot der Herstellung von PFAS. Dieser Ruf ist inzwischen auch in Brüssel angekommen. Die Niederlande arbeiten mit einer Reihe von EU-Mitgliedstaaten an einem europäischen Verbot von PFAS. Ein Verbot wird zwar helfen, eine Neuausbreitung der Stoffe zu verhindern, die bestehenden PFAS bleiben aber noch auf Jahre bestehen. Inzwischen behaupten sowohl RIVM als auch Waternet, dass das Trinkwasser gesund ist.